8. Mai 2014

Hurghada - spannend, immer wieder

Irgendwie hatte ich irgendwann einmal gedacht, wenn ich in Ägypten wieder Hotelurlaub mache ist es vorbei mit dem Abenteuer Land und Leute.
Glücklicherweise war dies eine Fehleinschätzung meinerseits. Lustig unters Volk gemischt kann man auch so Einiges erleben. Es gibt nur eine Regel: sei offen, unerschrocken und achtsam, dann fügt sich der Rest.
Ein Nachteil im Hotel sind die Teebeutel, original ägyptischen Tee sucht man vergebens. Ein guter Grund schnell Freunde und Bekannte in El Gouna aufzusuchen, denn hier gibt es ihn, meinen heißgeliebten ägyptischen Tee. Und neue Geschichten. 
In einem Geschäft kam ich mit einem jungen Ägypter ins Gespräch, nach einiger Zeit fragte er mich ob ich Alkohol trinke. Ja, ab und an tue ich auch dies. Der Sinn der Frage ist schnell geklärt. Als Tourist hat man in Ägypten die Möglichkeit mit seinem Reisepass die ersten 48 Stunden nach Ankunft im Duty Free Shop (gibt es in Hurghada, in El Gouna, in Luxor und bestimmt auch im Rest des Landes) Alkohol, Zigaretten, etc. einzukaufen.
Der junge Mann wollte sich diesen Umstand zu Nutze machen, kann er doch als Moslem in Ägypten offiziell keinen Alkohol erwerben. Es stand in naher Zukunft eine Hochzeit im Freundeskreis auf dem Programm, und so ein Gläschen in Ehren ...
Warum also nicht? Nachdem der Einkauf erledigt war ging es zurück in die City und ich wurde kurzerhand einem Großteil der weiblichen Familie vorgestellt, die sich kurzfristig eingefunden hatte. Waren es Nichten, Cousinen und Tanten? Ich weiß es nicht mehr. Es war ein Querschnitt durch alle Altersstufen, dem Englischen in etwa so mächtig wie ich dem Arabischen, obwohl ich Fortschritte mache. Egal, Komunikation mit Händen und Füßen hat noch immer irgendwie  funktioniert. 
Besonders stach in dieser Runde die Dame mit Niqab heraus, alle anderen Frauen waren westlich und bunt gekleidet mit Kopftuch, oder wie meist bei den älteren Frauen üblich, mit schwarzen Kleid und schwarzem Kopftuch ausstaffiert. 
Es gab von beiden Seiten keinerlei Berührungsängste. Ich habe viele Fotos und ich bin nun auf vielen Handys zusammen mit der jeweiligen Besitzerin vertreten. Ganz spannend aber war das Gespräch mit Frau Niqab. Gibt es hierzulande das weitverbreitete Vorurteil, dass die Frau durch ihren Mann oder die Familie gezwungen wird sich mit dem Gesichtsschleier zu bedecken, zeigte sich hier ein ganz anderes Bild. Umm Achmad (Mutter von Achmad so ihr Name (ihren richtigen Namen habe ich leider vergessen)) zeigte sich als sehr neugierige und aufgeschlossene Frau. 




Sie erklärte mir, dass sie den Niqab freiwillig trägt, einschließlich schwarzer Handschuhe und blickdichter Strümpfe. Auf Rückfragen meinerseits gab sie zu, dass es ziemlich warm in dieser Kleidung ist. Ihrerseits war sie überaus neugierig zu erfahren wie es in Deutschland ist. Was denken wir über den Niqab, gibt es viele Frauen die ihn tragen, kann man ihn bei uns käuflich erwerben? Nachdem die gegenseitige Neugier befriedigt war und ich meine Vorurteile abbauen konnte (ja auch ich habe ab und an mit diesen zu kämpfen) wurde ich von Umm Achmad zum Essen eingeladen. Es wurde ein Termin für den nächsten Tag vereinbart und mit zwei der männlichen Familienmitgliedern (die glücklicherweise als Dolmetscher aushelfen konnten) ging es am anderen Tag zum Mittagessen in Hurghada. 
Es kam wie es kommen musste, ich habe Umm Achmad nicht erkannt, öffnet mir doch eine Frau mit rosa Kopftuch und rosa Kleid die Tür, blosse Hände und blosse Füße. Wie soll man das in Verbindung bringen mit der Frau von der man einen Tag vorher nur die Augen gesehen hat? 
Es gab reichlich zu Essen und zu Trinken und es wurde mit Händen und Füßen und den beiden "Dolmetschern" erzählt. Gerne hätte ich dieser Familie einen weiteren Besuch abgestattet, aber irgendwie lief mir dann doch die Zeit davon. 

Indem Zusammenhang muss kurz erwähnt werden, dass ein deutsches Paar, welches ich im Hotel kennengelernt hatte, Angst um mich hatte als sie von der Einladung erfuhren. Ein anderes Paar, ebenfalls Stammgäste in Ägypten, fanden die Einladung -wie ich- eher spannend. Und das ist es tatsächlich, das Leben, spannend. Es gab jedoch Touristen im Hotel in El Gouna, die Angst hatten das Resort zu verlassen um nach Hurghada zu fahren. Hätte ich solche Angst würde ich mir ein anderes Urlaubsziel suchen. Nun gut. 
Leider war die Anzahl ausländischer Touristen im Hotel recht übersichtlich, es waren aber viele einheimische Gäste im Hotel. Für mich eine glückliche Fügung, ich lernte eine junge Ägypterin kennen die als Englischlehrerin arbeitet und in Kairo wohnt. Wer wird mir mir wohl Tipps geben für meinen angedachten Aufenthalt in der Hauptstadt?
Auch die politische Situation wurde angesprochen, kann man doch mit den aktuellen Zuständen nicht zufrieden sein. Einheitlich positiv wurde beurteilt, dass Mursi nicht mehr Präsident ist. Viele setzen ihre Hoffnung auf Al Sisi. Allerdings mit Lobhuddeleien in unterschiedlicher Güte. Ja, mit Al Sisi sei man besser dran, man setzt große Hoffnungen auf ihn. Allerdings kamen Einwände, er wird wohl härter als Mubarak werden und die Ägypter würden ihre Hoffnungsträger zu sehr verherrlichen. Wohl war. Eine Antwort kam der Warheit  sehr nahe: Nenn mir eine Alternative zu Al Sisi, ich würde sie wählen aber wir haben doch keine.

Kommentare:

  1. Das war aber interessant zu lesen!!!! Schön, aus dieser Welt zu hören; und dieser reich gedeckte Tisch sieht ja LECKER aus, mmmmmmmmm....Ich warte auf weitere Geschichten!

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    1. Es war auch sehr lecker, vorallem die gefüllen Paprika und Auberginen. Weitere Geschichten wird es geben, ich fahr ja wieder hin :-)

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  2. Daaanke, du hast es mal wieder geschafft! Rate mal, was es heute bei uns zu Essen geben wird. Gefuellte Paprika, frisches Fladenbrot... einfach gut. Dann werden wir wohl mal wieder das arabische Viertel aufsuchen und es uns gut gehen lassen.
    Was die Vorurteile betrifft, so gibt es sie wohl auf beiden Seiten (alle mit Bart sind Islamisten und alle westlichen Frauen sind Huren.....). Leider wird es aufgrund der sich immer weiter verbreitenden Islamophobie immer schlimmer. Gegenbeispiel ist Thailan, du glaubst gar nicht, was fuer einen Bloedsinn viele Menschen ueber Thailand zu wissen glauben (hey du, hier ist ja alles soooo locker und voll easy, buddhistische Moenche singen den ganzen Tag "Om" und schweben dabei ueber dem Boden und Thais sind immer freundlich und laecheln den ganzen Tag.........). Jedenfalls tat es mal wieder gut, bei dir etwas Schoenes und Positives zu lesen. Danke!

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    1. Du hast Rest, das war mal eine positive Geschichte, leider gehen deine Geschichten zur Zeit ja eher in die andere Richtung. Ich hoffe aber das Essen hat geschmeckt. Ja die Vorurteile, da hilft wirklich nur Augen und Ohren offen halten und keine Angst vor dem Unbekannten zu haben. Tja, sagt sich wohl für viele so einfach.
      Aber wie in Thailand machen die Mönche nicht den ganzen Tag "Om"? Und die Thailänder lachen nicht den ganzen Tag? Mensch, das ist ja doof... ;-)

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  3. Sehr spannender Bericht und ein sehr schönes Bild von dir mit Umm Achmad und das Essen sieht auch sehr gut aus. Zu der Niqab Geschichte - ich glaube, dass es viele Frauen gibt, die sich freiwillig verschleiern bzw. sich selbst dazu entscheiden. Ich fände es auch ziemlich arrogant aus einer anderen Kultur kommend zu entscheiden, was nun passende Kleidung für Frauen oder Männer wäre. Wenn es hier zu einer Veränderung kommen, muss die von innen heraus passieren. Aber für mich zumindest stellt sich die Frage, was es bedeutet für eine Gesellschaft, wenn Frauen komplett verschleiert sind. Was bedeutet, dass für die Frauen, für ihre (Bewegungs)freiheit, für die Gesellschaft? Die Geschichte erinnert mich etwas an meine Großmutter, die trotz fantastischer Noten, freiwillig Hausfrau war und das auch so nie hinterfragt hat oder unglücklich darüber war. Aber wie viel Entscheidung hatte sie dabei wirklich? Ich hoffe, ich habe mich nicht zu ungeschickt ausgedrückt. LG, Antonia

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    1. Die Frage der Entscheidungsfreiheit ist interessant.
      Ich denke man könnte genauso gut fragen, wieviel Entscheidungsfreiheit heutige Frauen haben. Wollen wir wirklich High Heels tragen und uns aufstylen? Wollen heutige Karrierefrauen wirklich nur Karriere machen? Oder herrscht in der Gesellschaft ein allgemeiner Druck für eine Frau Erfolgreich sein zu müssen? Wird uns nicht schon früh beigebracht dass Frauen die mehrfach Belastung von Kinder und Karriere problemlos meistern können, dabei noch mit 40 wie 20 aussehen und dabei nicht einmal auf einen Mann angewiesen sind? ich finde auch in der heutigen Gesellschaft wird ein enormer Druck für Frauen aufgebaut. in wiefern es also auch unser freier Wille ist, diesen modernen Idealen zu folgen, ist genauso fraglich, wie zu Zeiten deiner Großmutti. :)
      Liebe Grüße.

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    2. Auntie, du hast dich gut ausgedrückt. Von daher kamen ja auch meine Vorurteile. Leider gibt es in zu vielen Ländern einen Kopftuchzwang für Frauen, unabhängig von der Situation der Frauen in Saudi-Arabien oder Afghanistan. Basierend auf diesem Hintergrund habe ich auch meine Probleme mit Niqab und Schleier. Wenn man aber auf eine so selbstbewußte Frau trifft, die sich freiwillig dafür entschieden hat den Niqab zu tragen ist das selbstverständlich etwas anderes. Und ja, wir haben hier mehr Freiheiten uns zu entscheiden. Natürlich hat jede Entscheidung ihren Preis, aber ich kann heiraten oder alleine bleiben. Berufstätig sein, oder Vollzeitmutter, sogar berufstätige Mutter. Nur, man muss es nicht unbedingt verstehen. Als ich 1989 Abitur machte, war für viele Mitabiturientinnen der Hauptwunsch zu Heiraten und Mutter zu werden. Ich habe das nicht verstanden, dafür habe ich kein Abitur gemacht. Aber bitte, jede wie sie mag. Ich style mich ab und an ganz gerne (Freunde würden jetzt fragen und warum sieht man das nicht?) und ich trage keine High Heels. Ich schrecke aber auch vor dem Gedanken zurück ein Kopftuch zu tragen, ich mag den Wind und die Sonne in meinem Gesicht und in meinen Haaren. Kopftuch oder nicht, für mich ist hier nur wichtig, wer die Entscheidung dazu trifft, selbiges gilt für Kind, Küche und Karriere und in wie weit wir uns unter Druck setzen lassen.

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    3. "...für mich ist hier nur wichtig, wer die Entscheidung dazu trifft..." - das ist sehr schön formuliert. Niemand von uns ist völlig frei und trifft seine Entscheidungen ohne jegliche Beeinflussung -wir alle sind Teil der/einer Gesellschaft mit ihren Vorstellungen/Regeln Ich denke man sollte einfach immer offen bleiben und die eigenen abgetrampelten Pfade hinterfragen. Reisen ist dazu ein wunderbares Mittel; also du machst das schon ganz richtig. und ja zu Wind und Sonne im Gesicht :)

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  4. Das ist wirklich wundervoll, wie gastfreundlich die Menschen sind. Also ich wurde hier in Europa noch nie von Fremden zum Essen eingeladen.
    Und es ist auch sehr schön, deine Abenteuer zu lesen :) Mehr davon <3
    Lg.

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    1. Es freut mich, dass die Berichte über meine Abenteuer gerne gelesen werden. Danke. Ja, die Ägypter sind wirklich gastfreundlich. In Europa wurde ich auch noch nie einfach so zum Essen eingeladen. Hier hätte ich aber auch Angst zu fremden Menschen zum Essen zu gehen. Komisch, oder?

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  5. Ein schöner Bericht. Tatsächlich wundere ich mich immer wieder, wie tief auch bei mir diese Vorurteile bezüglich des Tragens von Niqab oder Schleiers verwurzelt sind. Obwohl ich lange Jahre mit Flüchtlingen gearbeitet habe und eigentlich weiß, dass dahinter oft auch selbstbewusste Frauen stecken. Am Istanbuler Flughafen in der Schlange an der Passkontrolle kreutzten wir immer wieder mit vier junge Frauen im Niqab, die jedesmal herzhaft kicherten, wenn sie meinen Mann sahen (der seine Dreads zu einem Zopf gebunden hatte, was auch nicht üblich ist für den "normalen" Mitteleuropäer über 50). Irgendwann streckte eine von ihnen den Daumen nach oben, sagte "good hair" zu meinem Mann und man sah an ihren Augen förmlich wie sie grinste. Bei ihrem ersten Anblick hätte ich das nie erwartet. Schön wenn man so überrascht werden kann.

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    1. Danke für diese kleine Anekdote. Ich glaube einfach Vorurteile sind menschlich, sie zeigen lediglich wie wir geprägt wurden. Aber es immer möglich sie abzubauen. Durch Neugierde, Offenheit und Toleranz, daraus resultieren doch meist die schönsten Erlebnisse.

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